Tom und das falsche Ufer

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Seite 1: Über das glitzernde Wasser

Der Morgen am Gardasee war warm und hell. Tom stand mit Mama, Papa und seiner großen Schwester Mara am kleinen Hafen und hielt die Fahrkarten fest in der Hand. Vor ihnen wartete ein weißes Ausflugsschiff, das leise gegen die Kaimauer schaukelte.

„Heute schauen wir uns die Orte am See vom Wasser aus an“, sagte Mama und lächelte. Sie hatte den Ausflug schon gestern geplant und eine kleine Karte in ihren Rucksack gesteckt.

Tom setzte sich ans Fenster, gleich neben Mara. Als das Schiff ablegte, winkte er den Menschen am Ufer zu. Das Wasser glitzerte wie tausend winzige Spiegel in der Sonne. Hinter den Häusern stiegen grüne Hügel auf, und auf manchen standen alte Burgen.

„Siehst du die Segelboote?“, fragte Papa.

Tom nickte. Er beobachtete alles ganz genau: die gelben Sonnenschirme, die bunten Fensterläden und die Namen der Orte auf den Hafenschildern. Mara fotografierte einen Schwarm Enten, der neben dem Schiff herschwamm.

Nach einer Weile wurde das Schiff langsamer. Vor ihnen lag ein weiterer Hafen mit einer langen Promenade. Dort standen Palmen, und zwischen zwei Häusern entdeckte Tom ein Schild mit einem großen, gemalten Eis.

„Oh, guckt mal!“, sagte er und beugte sich neugierig zum Fenster.

Seite 2: Das Eis am Hafen

Das Schiff legte mit einem leisen Rumpeln am Steg an. Sofort öffnete ein Matrose die Absperrung. Einige Fahrgäste stiegen aus, andere kamen mit Taschen und Sonnenhüten an Bord.

Tom zeigte auf die Promenade. „Da ist eine Eisdiele! Die haben bestimmt Zitroneneis.“

Mara stand noch ein Stück weiter hinten am Geländer und versuchte, ihre Enten auf dem Foto zu zählen. Papa sprach mit Mama über den Fahrplan. Tom dachte, sie hätten alle das Eisschild gesehen.

„Ich gehe schon mal gucken“, sagte er. Aber in diesem Moment pfiff der Matrose, und seine Worte gingen im Geräusch der Möwen unter.

Tom ging über die Rampe hinunter. Die warme Luft roch nach Wasser, Sonnencreme und süßen Waffeln. Vor der Eisdiele drehte sich ein kleines Schild im Wind: **GELATO**.

„Gelato heißt Eis“, murmelte Tom zufrieden. Das hatte er auf einer Speisekarte gelernt.

Er blieb stehen und schaute sich nach seiner Familie um. Hinter ihm stiegen noch mehrere Leute vom Schiff. Eine Frau zog einen roten Koffer, ein Junge trug einen aufblasbaren Delfin unter dem Arm.

Tom war sicher, dass Mama, Papa und Mara gleich hinter ihm auftauchen würden. Vielleicht waren sie nur langsamer, weil Papa wieder auf die Fahrkarte achtete.

Also ging Tom ein paar Schritte zur Eisdiele. Durch das Fenster sah er Berge aus Vanille-, Erdbeer- und Pistazieneis. Pistazie war grün wie die Blätter der Olivenbäume.

„Welches Eis mögen Mara und Mama wohl?“, dachte Tom und wartete am Rand der Promenade.

Das Schiff fährt weiter

Tom wartete einen Moment. Dann noch einen. Aber Mama, Papa und Mara kamen nicht aus dem Hafenhaus.

Stattdessen hörte er hinter sich ein tiefes Brummen. Das Schiff legte ab. Langsam löste es sich vom Steg, und kleine Wellen platschten gegen die Holzpfähle.

„Mama?“, rief Tom und drehte sich schnell um.

Da sah er sie auf dem Deck. Mara stand am Geländer und schaute suchend nach links und rechts. Papa sprach mit dem Kapitän, während Mama die Hände um den Mund legte.

„Tom!“, hörte er Mara rufen.

Tom winkte so hoch er konnte. „Hier bin ich!“, rief er zurück.

Doch das Schiff war schon ein Stück entfernt. Der Wind trug seine Stimme über das Wasser, aber Tom konnte nicht verstehen, was seine Familie sagte. Mama zeigte in Richtung Hafen, dann zeigte sie auf etwas in ihrer Tasche. Vielleicht auf das Handy.

Tom spürte, wie sein Bauch ganz kribbelig wurde. Er hatte gedacht, dies sei der richtige Halt. Nun fuhr seine Familie weiter, und er stand allein vor der Eisdiele am falschen Hafen.

Das Schiff wurde kleiner und kleiner. Mara winkte noch einmal mit beiden Armen. Tom winkte zurück, bis er sie kaum noch erkennen konnte.

Dann atmete er tief ein. Vor ihm glitzerte der See. Hinter ihm gingen Menschen mit Taschen und Koffern vorbei. Irgendwo klingelte ein Fahrrad.

Tom sah sich um. Er musste herausfinden, wo er war.

Seite 4: Erst einmal nachdenken

Tom ging ein paar Schritte zu einem großen Schild neben dem Anleger. Darauf standen die Abfahrtszeiten der Schiffe. Ganz oben las er langsam den Namen des Hafens: **Porto di San Felice**.

„San Felice“, murmelte Tom. Den Namen hatte er auf Mamas Plan noch nicht gesehen. Sein Herz klopfte zwar noch schnell, aber er beschloss, nicht einfach loszulaufen. Papa sagte immer: „Wenn du dich verirrst, bleib stehen, schau genau hin und frag jemanden.“

Tom setzte sich auf eine niedrige Mauer im Schatten. Er öffnete seinen kleinen Rucksack. Zwischen seiner Trinkflasche und der dünnen Regenjacke lag der gefaltete Zettel, auf den Mama die Adresse des Campingplatzes geschrieben hatte.

Tom strich ihn glatt und las: **Camping Bella Vista, Via del Lago**.

„Bella Vista“, sagte er leise. Das wusste er noch. Der Campingplatz lag in der Nähe von Lazise, auf der anderen Seite des Sees. Auf dem Zettel stand auch eine Telefonnummer. Das war gut. Sehr gut sogar.

Neben dem Schild hing eine Karte vom Gardasee. Tom trat näher. Er suchte erst San Felice, dann Lazise. Mit seinem Finger fuhr er über die blaue Wasserfläche zwischen den beiden Orten.

„Das ist ziemlich weit“, dachte er. Trotzdem fühlte er sich schon ein bisschen besser. Jetzt kannte er wenigstens den Namen dieses Hafens und den Namen seines Campingplatzes.

Am Schalter saß eine Frau mit einem roten Halstuch. Sie lächelte einem älteren Paar zu. Tom nahm seinen Mut zusammen und ging langsam auf den Schalter zu.

Seite 5: Ein mutiges „Hello“

Tom stellte sich vor den Schalter und spürte, wie seine Knie ein kleines bisschen weich wurden. Aber die Frau mit dem roten Halstuch sah so freundlich aus, dass er tief einatmete.

„Hello“, sagte er. Dann zeigte er auf den Zettel mit der Adresse. „Dov’è il campeggio?“

Die Frau beugte sich vor. Auf ihrem Namensschild stand: Signora Bianchi.

„Il campeggio?“, wiederholte sie langsam. Tom nickte schnell. Er wusste, dass campeggio auf Italienisch Campingplatz bedeutete. Das Wort hatte Mama ihm gestern noch gezeigt, als sie über ihren Urlaub gesprochen hatten.

Signora Bianchi nahm den Zettel und las die Adresse. Dann schaute sie Tom aufmerksam an.

„Sei solo? Bist du allein?“, fragte sie mit sanfter Stimme.

„Ja“, antwortete Tom auf Englisch. „My family is at the campsite. I got off the boat here.“ Er zeigte hinaus zum Wasser, wo das Schiff längst nur noch ein kleiner weißer Punkt war.

Signora Bianchi nickte, als hätte sie sofort verstanden. „Don’t worry, Tom“, sagte sie. „We find the way.“

Bei diesen Worten wurde Toms Bauch ein wenig leichter. Die Frau sprach nicht ganz so schnell wie andere Erwachsene. Außerdem lächelte sie wieder.

„You are very brave“, sagte sie und legte den Zettel auf den Schalter. Dann holte sie eine große Karte hervor und breitete sie vor Tom aus.

Tom trat näher. Jetzt wollte er genau aufpassen, damit er den Weg zum Campingplatz selbst verstehen konnte.

Der richtige Bus

Signora Bianchi zeigte mit dem Finger auf einen kleinen blauen Punkt auf der Karte. „You are here“, sagte sie. Dann fuhr ihr Finger an der Uferstraße entlang bis zu einem grünen Zeichen. Neben dem Zeichen stand der Name von Toms Campingplatz.

„Bus“, erklärte sie und malte mit einem Stift einen dicken Pfeil auf die Karte. „Number three. It stops here.“

Tom beugte sich vor. „Bus Nummer drei“, wiederholte er. „Und dann … hier aussteigen?“

„Perfetto!“ Signora Bianchi lächelte. „Very good.“ Sie schrieb die Haltestelle auf einen kleinen Zettel: **Camping Bella Vista**.

Tom steckte den Zettel sorgfältig in seine Hosentasche, zu dem anderen Zettel mit der Adresse. Er fühlte sich schon viel sicherer. Der Busbahnhof war direkt neben dem Hafen. Dort warteten mehrere Busse mit großen Schildern vorne an der Scheibe.

Am Automaten standen viele Knöpfe. Tom schluckte kurz. Doch Signora Bianchi blieb neben ihm und zeigte auf das Bild eines Busses.

„One ticket“, sagte Tom mutig und hielt eine Münze hin.

Der Automat ratterte. Dann fiel ein kleines Papierticket heraus. Tom nahm es, las noch einmal die Zahl darauf und grinste. Das hatte er ganz allein geschafft.

„Grazie mille, Signora Bianchi!“, sagte er.

„Prego, Tom. Bus three is coming soon.“

Tom stellte sich an die Haltestelle. In der Ferne bog gerade ein Bus um die Ecke, und vorne leuchtete eine große 3.

Wieder zu Hause

Der Bus hielt zischend vor Tom. Die Türen gingen auf, und der Fahrer lächelte ihm zu.

„Campeggio?“, fragte Tom und zeigte auf sein Ticket.

Der Fahrer nickte. „Sì, campeggio. Number three.“

Tom stieg ein und setzte sich ans Fenster. Während der Bus am See entlangfuhr, sah er kleine Boote, bunte Häuser und silbrige Wellen. Sein Herz klopfte noch ein bisschen schnell, aber diesmal fühlte es sich eher stolz als aufregend an.

Nach einigen Haltestellen erkannte Tom das Schild am Eingang des Campingplatzes. Schnell drückte er auf den roten Knopf. „Stop!“, sagte er, als die Türen aufgingen, und sprang mit seinem Rucksack hinaus.

Am Empfang stand Mama. Neben ihr warteten Papa und Mara. Mara hatte die Hände fest zusammengepresst. Als sie Tom sah, rannte sie los.

„Tom!“, rief sie und schloss ihn so fest in die Arme, dass sein Rucksack schief rutschte.

Mama umarmte ihn gleich danach. „Wir haben uns solche Sorgen gemacht!“

„Aber ich bin mit dem Bus gekommen“, sagte Tom leise. „Signora Bianchi hat mir geholfen. Und ich habe das Ticket selbst gekauft.“

Papa legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Das war sehr klug und mutig von dir.“

Mara wischte sich über die Augen und lächelte. „Mein kleiner Bruder kann ja richtig reisen.“

Tom grinste. Gemeinsam gingen sie zurück zu ihrem Zeltplatz. Jetzt fühlte sich alles wieder genau richtig an.

Das Eis am richtigen Hafen

Am Abend saß die Familie vor dem Zelt. Über dem Gardasee wurde der Himmel langsam rosa und orange, und aus der Campingküche roch es nach Tomatensoße. Mama hatte Nudeln gemacht, und diesmal durfte Tom sich die größte Portion nehmen.

„Also“, sagte Papa und drehte die Gabel in seinen Spaghetti, „wie genau hast du den Bus gefunden?“

Tom erzählte alles. Von dem Schild mit dem Hafennamen, von Signora Bianchis Karte und von dem Bus Nummer drei. Als er „Dov’è il campeggio?“ sagte, sprach Mara die Worte besonders langsam nach.

„Das heißt: Wo ist der Campingplatz?“, erklärte Tom stolz.

Mama lächelte. „Ich bin sehr froh, dass du ruhig geblieben bist und dir Hilfe gesucht hast.“

„Und ich bin froh, dass du wieder da bist“, sagte Mara. Dann stupste sie ihn mit dem Ellbogen an. „Aber das nächste Mal steigst du nur aus, wenn ich es auch tue.“

Alle lachten, sogar Tom.

Nach dem Essen holte Papa eine kleine Karte hervor. „Morgen fahren wir zusammen zum richtigen Hafen“, sagte er. „Dann schauen wir uns die Eisdiele an, wegen der dieser ganze Ausflug angefangen hat.“

„Und jeder bekommt ein Eis!“, rief Mama.

Tom dachte an das Schiff, den Bus und die freundliche Signora Bianchi. Heute war er allein unterwegs gewesen. Morgen würde seine Familie bei ihm sein.

Er lehnte sich zufrieden zurück. Der Gardasee glitzerte im Abendlicht, und Tom wusste: Diese Reise würde er nie vergessen.

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