Seite 1: Oma Leni zieht ein
Am frühen Samstagmorgen rollten zwei große Koffer durch den Flur. Pumbas Menschenfamilie wollte für zwei Wochen in den Urlaub fahren. Pumba saß auf der Fensterbank und beobachtete alles mit großen, goldenen Augen. Tom hatte sich dagegen unter den Esstisch gelegt und tat so, als wäre der ganze Wirbel nicht wichtig.
„Keine Sorge, ihr beiden“, sagte die Mutter und kraulte Pumba hinter den Ohren. „Oma Leni passt wunderbar auf euch auf.“
Kurz darauf klingelte es an der Tür. Oma Leni kam herein, mit einer bunten Tasche, einem Korb voller Äpfel und ihrem freundlichen Lächeln. Sie stellte ihre Hausschuhe neben die Tür und begrüßte die Kater, als wären sie alte Freunde.
„Guten Morgen, Pumba. Guten Morgen, Tom“, sagte sie. „Ich habe eure Futterdosen nicht vergessen.“
Tom blinzelte vorsichtig. Pumba schnupperte neugierig an Omas Tasche. Sie roch nach Lavendel, Keksen und dem kleinen Kräutergarten hinter ihrem Haus.
Nachdem die Familie Abschied genommen hatte, wurde es still im Haus. Das Auto fuhr die Straße hinunter und verschwand um die Ecke. Oma Leni öffnete ein Fenster, damit die warme Sommerluft hereinkam, und füllte die Näpfe der Kater.
Pumba schleckte zufrieden sein Frühstück und blickte hinaus in den sonnigen Garten. Die Hecken bewegten sich leise im Wind. Irgendwo zwitscherte ein Vogel. Zwei ganze Wochen, dachte Pumba. Das klang nach einer langen, spannenden Zeit.
Die Spur am Zaun
Am nächsten Morgen wurde es richtig heiß. Die Sonne stand schon früh über den Dächern, und auf den Gartenplatten flimmerte die Luft. Oma Leni hatte die Vorhänge im Wohnzimmer ein wenig zugezogen und stellte eine Schale frisches Wasser für Pumba und Tom hin.
Tom streckte sich auf seinem Lieblingskissen aus. „Heute bewege ich mich keinen Pfotenschritt weiter als bis zum Napf“, murmelte er und blinzelte schläfrig.
Pumba dagegen konnte kaum stillsitzen. Er schlich zur Terrassentür, die Oma Leni einen Spalt weit geöffnet hatte, und trat in den Garten. Das Gras kitzelte seine Pfoten, und die Rosen dufteten süß und warm.
Am hinteren Gartenzaun blieb er plötzlich stehen.
Dort lag etwas Merkwürdiges zwischen den Gänseblümchen: eine kleine Reihe weißer Federn, die im Wind zitterten. Dazwischen klebten rote Ahornblätter und ein paar lange Halme. Sie führten am Zaun entlang bis zu einer dichten Hecke.
Pumba beugte sich neugierig vor und schnupperte. Die Federn rochen nach Sommerluft und nach etwas, das er nicht kannte. Vielleicht hatte ein Vogel hier gespielt. Oder jemand hatte die Blätter absichtlich hingelegt.
„Tom!“, rief Pumba leise zum Haus hinüber. „Komm mal sehen! Ich habe eine Spur gefunden.“
Tom hob nur kurz den Kopf. Pumba aber betrachtete die flatternden Federn weiter. Hinter der Hecke schien ein ganz neues Gartenabenteuer zu warten.
Durch die Hecke
„Ich bleibe lieber hier“, maunzte Tom und rollte sich wieder auf die kühlen Fliesen im Flur. „Draußen ist es viel zu heiß. Außerdem weiß man nie, was hinter einer Hecke steckt.“
Pumba zuckte mit den Schnurrhaaren. „Genau das will ich doch herausfinden!“
Er setzte eine Pfote zwischen die Zweige. Die Hecke war dicht und roch nach Erde, warmen Blättern und ein bisschen nach Regen, obwohl schon lange keiner gefallen war. Vorsichtig schob Pumba sich weiter hinein. Ein Blatt kitzelte seine Ohren, und eine kleine Feder blieb an seinem Rücken hängen.
„Pass auf dich auf“, rief Tom ihm nach. Seine Stimme klang besorgt, aber Pumba hörte auch ein winziges bisschen Neugier darin.
Auf der anderen Seite der Hecke wartete ein Garten, den Pumba nur vom Zaun aus kannte. Hier wuchsen hohe Sonnenblumen, deren gelbe Köpfe sich zur Sonne drehten. Zwischen bunten Blumen summten Bienen, und auf einem schmalen Weg lagen wieder ein paar Blätter und Federn.
Pumba sprang leise auf den warmen Boden. Die Spur führte an einem Beet vorbei, hinter einen großen Busch mit roten Beeren.
Da raschelte es ganz sanft im Gras.
Pumba blieb stehen, hob den Kopf und spitzte die Ohren. Wer mochte dort wohl sein?
Seite 4: Der geheime Gartenweg
Aus dem Gras lugte eine rote Schnauze hervor. Dann erschienen zwei spitze Ohren und ein buschiger Schwanz mit weißer Spitze.
„Hallo“, sagte der junge Fuchs freundlich. „Ich heiße Filo. Du bist doch nicht von hier, oder?“
Pumba trat einen kleinen Schritt näher. Filo sah neugierig aus, aber nicht gefährlich. Seine bernsteinfarbenen Augen funkelten im Sonnenlicht.
„Ich bin Pumba“, miaute er. „Ich folge einer Spur aus Federn und Blättern. Weißt du, wohin sie führt?“
Filo schnupperte an einem Blatt, das neben Pumbas Pfoten lag. „Vielleicht“, sagte er geheimnisvoll. „Solche Spuren weht der Sommerwind oft durch die Gärten. Aber ich kenne einen Weg, auf dem wir besser sehen können.“
Er drehte sich um und schlich hinter den Busch mit den roten Beeren. Pumba folgte ihm vorsichtig. Dahinter war kein gewöhnlicher Weg, sondern ein schmaler Durchgang zwischen hohen Hecken. Die Zweige bildeten über ihnen fast ein grünes Dach.
„Das ist mein geheimer Gartenweg“, erklärte Filo stolz. „Er verbindet viele Gärten miteinander, ohne dass man über einen Zaun klettern muss.“
Pumba staunte. Durch kleine Lücken fiel Sonnenlicht auf den Boden wie helle Flecken. Es roch nach Erde, Minze und reifen Himbeeren.
„Komm“, sagte Filo und wackelte mit dem Schwanz. „Vielleicht finden wir am Ende deiner Spur noch etwas viel Spannenderes.“
Pumba spürte ein fröhliches Kribbeln in den Pfoten. Gemeinsam machten sich die beiden auf den Weg durch das grüne Versteck.
Seite 5: Der Dachs unter dem Himbeerstrauch
Der geheime Weg wurde immer schmaler. Pumba musste seine Schnurrhaare anlegen, damit sie nicht an den langen Grashalmen kitzelten. Filo lief leichtfüßig voraus und blieb plötzlich vor einem großen Himbeerstrauch stehen.
„Hier riecht es besonders gut“, flüsterte Pumba. Zwischen den Blättern leuchteten dicke, rote Himbeeren.
Da raschelte es unter dem Strauch. Pumba machte einen kleinen Satz zurück, doch Filo lächelte nur.
„Keine Sorge“, sagte er. „Das ist Bruno.“
Langsam schob sich ein rundes, gestreiftes Gesicht aus dem Schatten. Der Dachs blinzelte freundlich und gähnte. „Guten Tag“, brummelte er mit ruhiger Stimme. „Ihr seid heute aber früh unterwegs.“
„Pumba folgt einer Spur aus Federn und Blättern“, erklärte Filo. „Sie hat uns durch mehrere Gärten geführt.“
Bruno schnupperte aufmerksam in die Luft. „Federn und Blätter? Dann wart ihr sicher nahe bei der alten Wasserstelle. Dort sammelt der Wind allerlei Dinge, und die Vögel baden dort gern.“
Pumbas Augen wurden groß. „Eine Wasserstelle? Gibt es dort vielleicht Frösche und Libellen?“
„Bestimmt“, sagte Bruno gemütlich. „Der kleine Teich liegt hinter den Sonnenblumen. Am schönsten ist es dort, wenn das Abendlicht auf dem Wasser glitzert.“
Filo wedelte mit dem Schwanz. „Dann sollten wir losziehen!“
Bruno streckte sich langsam, schüttelte ein Himbeerblatt von seinem Rücken und nickte. Gemeinsam machten sich die drei auf den Weg in Richtung der hohen Sonnenblumen.
Seite 6: Abendlicht am Teich
Hinter den Sonnenblumen wurde der Garten plötzlich stiller. Die hohen Stängel raschelten leise im warmen Wind, und ihre gelben Köpfe leuchteten wie kleine Sonnen über Pumba, Filo und Bruno.
„Immer schön hier entlang“, sagte Bruno und trottete auf einem schmalen Pfad voraus. Pumba musste seine Pfoten vorsichtig setzen, denn zwischen den Steinen wuchsen duftende Kräuter. Es roch nach Minze, Erde und den letzten Himbeeren des Tages.
Dann schoben sie ein paar lange Grashalme zur Seite. Vor ihnen lag ein kleiner Teich, rund und still wie ein Spiegel. Das Abendlicht färbte das Wasser golden. Am Rand standen Schilfhalme, und auf einem flachen Blatt saß ein kleiner grüner Frosch.
Pumba hielt den Atem an. Über dem Teich schwirrten Libellen hin und her. Ihre durchsichtigen Flügel glitzerten blau und silbern, sobald sie durch einen Sonnenstrahl flogen.
„Sie tanzen ja!“, flüsterte Pumba begeistert.
Filo setzte sich neben ihn und lächelte. „Sie jagen winzige Mücken in der Luft. Aber es sieht wirklich wie Tanzen aus.“
Bruno ließ sich gemütlich ins Gras sinken. „Hierher komme ich gern, wenn der Tag langsam müde wird.“
Die drei Freunde saßen eine Weile ganz still beieinander. Pumba hörte das leise Ploppen im Wasser, das Zirpen der Grillen und weit hinten einen Vogel, der sein Abendlied sang. Über dem Teich wurde der Himmel langsam rosa und violett.
Seite 7: Der verlorene Heimweg
Über dem Teich wurde der Himmel langsam rosa und violett.
Dann verschwanden die letzten Libellen zwischen den Schilfhalmen. Die Grillen zirpten nun noch lauter, und ein warmer Duft nach Erde und Blumen lag in der Luft.
„Es wird Nacht“, sagte Bruno und streckte sich langsam.
Pumba nickte. Plötzlich dachte er an das Küchenfenster zu Hause. Dort stand bestimmt Oma Leni und rief nach ihm. Vielleicht wartete Tom schon auf der Fensterbank und tat so, als sei ihm alles ganz egal.
„Ich sollte zurück“, murmelte Pumba.
Filo spitzte die Ohren. „Dann gehen wir durch den Sonnenblumengarten, am alten Schuppen vorbei und durch die kleine Hecke.“
Pumba schaute in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Im Dämmerlicht, also im schwachen Licht zwischen Tag und Nacht, sahen alle Hecken ähnlich aus. Die hohen Sonnenblumen standen wie dunkle Schatten nebeneinander. Er erinnerte sich an einen Zaun, an Himbeeren und an einen umgekippten Blumentopf. Aber welcher Weg hatte ihn dorthin geführt?
„Warte mal“, sagte Pumba und drehte sich einmal im Kreis. „War der Schuppen links oder rechts? Und stand die Hecke hinter dem Apfelbaum?“
Bruno blickte ihn freundlich an. „Du hast heute viele neue Wege gesehen.“
Pumbas Schwanzspitze zuckte ein wenig. „Ich glaube … ich kenne den Weg nach Hause nicht mehr genau.“
Filo setzte sich dicht neben ihn. „Dann suchen wir ihn gemeinsam. In der Nacht kann man manchmal besser riechen als sehen.“
Bruno schnupperte ruhig in die warme Luft, während Pumba hoffnungsvoll zu seinen Freunden blickte.
Der Duft nach Hause
Bruno schnupperte ruhig in die warme Luft, während Pumba hoffnungsvoll zu seinen Freunden blickte.
Plötzlich hob der Dachs seine breite Nase. „Da ist etwas“, sagte er leise. Er trottete ein paar Schritte am Teichufer entlang und schnupperte noch einmal. „Minze. Schnittlauch. Und ein wenig Salbei.“
Pumba spitzte die Ohren. „Oma Leni hat Kräuter im Garten! Sie gießt sie jeden Morgen.“
„Dann ist das unsere Spur“, sagte Filo fröhlich. Sein buschiger Schwanz wippte hin und her. „Komm, ich kenne Hecken, durch die sogar eine Katze leise schlüpfen kann.“
Bruno ging voran, denn seine Nase wusste genau, wohin der Kräuterduft stärker wurde. Filo zeigte Pumba kleine Lücken zwischen den Sträuchern. Sie huschten an duftenden Rosen vorbei, unter einem niedrigen Holzzaun hindurch und durch einen Garten, in dem ein Windspiel ganz sanft klingelte.
Mit jedem Schritt wurde Pumba leichter ums Herz. Da war der vertraute Geruch von warmer Erde. Dort roch es nach Omas Handcreme und nach dem alten grünen Gartenschlauch.
„Wir sind ganz nah“, flüsterte Pumba.
Vor ihnen schimmerte im Mondlicht ein kleiner Schuppen. Daneben standen Töpfe mit Minze, Schnittlauch und Salbei.
Pumba schnurrte vor Erleichterung. „Das ist Omas Kräutergarten!“
Filo lächelte. Bruno nickte zufrieden. Gemeinsam blieben sie noch einen Moment zwischen den stillen Hecken stehen und lauschten dem vertrauten Summen der Sommernacht.
Wieder am Gartenfenster
Pumba schnurrte vor Erleichterung. „Danke, Filo. Danke, Bruno. Ohne euch hätte ich den Weg nie gefunden.“
Der Fuchs stupste ihn freundlich mit der Nase an. „Folge einfach dem Duft von Minze und deinem Herzen.“
Bruno gähnte gemütlich. „Und beim nächsten Ausflug merkst du dir besser, an welcher Hecke du abgebogen bist.“
Pumba versprach es sofort. Dann schlüpfte er durch das letzte Loch im Zaun. Seine Pfoten kannten nun wieder jeden Stein im kleinen Garten. Zwei Tage lang war er durch Hecken, unter Himbeersträuchern und an hohen Sonnenblumen vorbeigestreift. Jetzt fühlten sich die vertrauten Wege besonders schön an.
Am Gartenfenster saß Tom auf seinem Lieblingskissen. Als er Pumba entdeckte, riss er die Augen auf und sprang auf.
„Pumba! Da bist du ja endlich!“, miaute er. Seine Stimme klang erleichtert, obwohl er versuchte, sehr ernst zu schauen.
Pumba kletterte auf die Fensterbank und drückte seine Stirn an Toms Stirn. „Ich habe einen Teich gesehen, Libellen beobachtet und zwei wunderbare Freunde gefunden“, erzählte er müde.
Tom schnupperte an seinem Fell. „Du riechst nach Salbei, Teichwasser und ziemlich viel Abenteuer.“
Pumbas Bauch knurrte laut. Beide Kater mussten leise schnurren. Drinnen hörten sie Omas Schritte näher kommen.
Wieder zu Hause
Die Küchentür ging auf, und Oma Leni blieb mit einem kleinen Aufschrei stehen. „Pumba! Mein lieber kleiner Ausreißer!“
Pumba setzte sich aufrecht hin, doch seine Pfoten fühlten sich plötzlich schwer an. Oma Leni kniete sich zu ihm und Tom herunter. Sie streichelte Pumba ganz vorsichtig über den Kopf und schaute ihm in die Augen. Dann lächelte sie, obwohl darin noch ein winziges bisschen Sorge glitzerte.
„Da bist du ja wieder“, sagte sie leise. „Ich habe dich überall gesucht.“
Pumba antwortete mit einem müden, aber kräftigen Schnurren. Tom schmiegte sich an seine Seite, als wollte er sagen: Jetzt passt alles wieder.
Oma Leni stellte zwei Näpfe auf den Boden. Darin war ihr Lieblingsfutter: saftiges Huhn mit ein wenig Soße. Pumba fraß so eifrig, dass Tom ihn mit der Pfote anstupste. „Langsam, großer Abenteurer“, miaute er.
Nach dem Fressen tranken beide frisches Wasser. Durch das offene Fenster wehte der Duft von Salbei und Minze herein. Pumba dachte an Filo, der bestimmt zwischen den Hecken unterwegs war, und an Bruno, der sich vielleicht schon unter seinem Himbeerstrauch ausruhte.
Dann rollte sich Pumba neben Tom auf dem warmen Teppich in der Sommersonne zusammen. Oma Leni setzte sich mit ihrem Buch daneben und lächelte.
Pumba schloss die Augen. Abenteuer waren wunderbar, dachte er. Aber am allerschönsten war es, wieder zu Hause zu sein.
Und während Tom leise neben ihm schnurrte, schlief Pumba zufrieden ein.